Ein Bilderbuch, einige Pflänzchen und ein Füller

Ich habe gerade einen Platz für mein viel zu großes Gepäck gefunden, als sich die Räder langsam in Bewegung setzen und der Zug aus dem Bahnhof fährt. Ich ergattere einen Fensterplatz und sehe, dass draußen die Goldene Stunde läuft, wo der Himmel diese verblasste hellblaue Farbe bekommt. Wir sind schnell aus der Stadt raus, und hier öffnet sich die Landschaft mit bald erntereifen Feldern und kleinen Dörfern, worüber ab und zu Kirchtürme ragen. Im Westen nur abendgraue Wolken – kein orangeroter Sonnenuntergang, der das Bild vollendet hätte. Nach einem Jahr in Dresden als Freiwilliger beim PJR sitze ich jetzt in einem Zug Richtung Kopenhagen mit gemischter Laune. Der Zug gleitet durch die Landschaft in einen Wald hinein und die Welt draußen wird plötzlich von einem grünen Waldwirrwarr verschlungen. 

Ich mag Zugfahrten. Für mich sind sie eine Art Unterbrechung des realen Lebens. Es herrscht eine gewisse Stimmung, die Freiraum schafft, Gedanken laufen zu lassen. Die Vorfreude erwartender Erlebnisse zu genießen oder in der Melancholie durchlebter Begegnungen zu schwelgen. Das sind Gefühle, die ich mit Zugfahrten verbinde. Ich spüre gerade beides. Es gibt viele Leute, auf deren Wiedersehen ich mich freue, gleichzeitig ist eine Zeit zu Ende gegangen, die ich sehr schätze, und ich verlasse Menschen und Gemeinschaften, die ich sehr gern mit mir nehmen würde. 

Aber was bringe ich denn mit mir außer meinen überfüllten Rucksack?

Na, ein Bilderbuch. Ein paar Pflänzchen. Und ein Füller ist auch dabei. 

Das Bilderbuch habe ich vom PJR-Team bekommen. Es ist mit guten Erinnerungen von Workshops, Projekttagen und schöne Momenten vollgepackt. Insbesondere European Stories // Geschichten aus Europa war ein Projekt, von dem ich viel mitnehme, aber durch das Jahr habe ich bei vielseitigen Projekten tolle Erfahrungen gesammelt und viele liebe Leute kennengelernt.

Die Pflänzchen habe ich im Laufe des Jahres bekommen, und wenn ich sie gieße und nicht sterben lasse, dann werden sie in meinem Zimmer stehen und mich an wichtige Freundschaften erinnern, die ich bewahren will.

Den Füller habe ich von meiner WG als Abschiedsgeschenk bekommen, und mit ihm kann ich sehr viel anfangen. Ein Ziel fürs nächste Jahr ist meiner Lust zu Schreiben auch Zeit zu geben, und ich bin gespannt darauf, dieses Interesse mehr zu fördern. Meine Zeit im PJR hat aber in mir auch den Wunsch geweckt, mich weiterhin im Bereich politische und demokratische Bildung zu engagieren, und das werde ich auf jeden Fall auch verfolgen.

Draußen ist es hell geworden und der Zug kommt am Kopenhagen Hauptbahnhof an – ich gucke aus dem Fenster und… nee Quatsch. Das wäre viel zu harmonisch. Ein paar Tage sind vergangen, ich sitze an meinem Schreibtisch, schreibe fertig und lese Korrektur.

In den letzten Tagen ist mir aufgefallen wie komisch es ist, ein Jahr in einer Stadt zu sein, tolle Menschen kennenzulernen, sich in einem Verein zu engagieren und dann alles wieder zu verlassen. 

Wer macht denn sowas freiwillig? 

Ich bin sehr froh, dass ich ein Jahr in Dresden und im PJR erleben konnte. Jetzt wartet eine neue Stadt mit neuen Erlebnissen und Begegnungen auf mich. Tschüss Dresden, PJR und alle euch tolle Menschen – ich freue mich euch bald wieder zu besuchen.