Einblick in eine (französische) Freiwilligenwelt

Ein Jahr im Ausland zu verbringen nach meinem Abitur war schon immer mein Plan. Die große weite Welt erkunden, frei sein, die Möglichkeiten nutzen, die man heutzutage hat. Andere Länder kennen zu lernen, eine neue Sprache erlernen und Freunde aus aller Welt zu finden gehört zu den Dingen, die für ältere Generationen leider größtenteils nicht möglich waren. Doch durch die vielen Möglichkeiten heutzutage war es nicht leicht zu entscheiden, welchen Weg ins Ausland ich nehmen sollte. Entweder auf eigene Faust Work&Travel machen in Australien oder Neuseeland, erstmal arbeiten gehen und dann die Welt bereisen oder eines der vielen Freiwilligenprogramme im Ausland wählen? Durch einen Bekannten stieß ich auf das Programm Erasmus+ der Europäischen Union. Europa hat mich schon immer begeistert. Ein Friedensprojekt seit über 70 Jahren auf einem Kontinent voller historischen Kulturen und vielen Sprachen. Ein Kontinent, der seit Jahrzehnten immer enger zusammenwächst, sodass Europa ein starkes Bündnis in Wirtschaft, Kultur, Bildung usw. geworden ist.

Der Europäische Freiwilligendienst (EFD) ist ein Teil des Programms Erasmus+ und bietet jungen Erwachsenen meiner Meinung nach das beste Freiwilligenprogramm, um ein anderes Land in Europa zu erkunden und gleichzeitg „Entwicklungshilfe“ zu leisten. Mein Wunsch war unser Nachbarland Frankreich, welches mich durch Sprache, Kultur und Landschaft begeistert. Mit dem PJR als Entsendeorganisation habe ich mich auf die Suche nach passenden Projekten in Frankreich gemacht. Es vergingen mehrere Monate und meine vielen Bewerbungen blieben meist ohne Antwort, bis es eines Tages doch mit einer Zusage klappte – und zwar für ein Projekt im Banlieue von Paris.

Seit 5 Monaten lebe ich nun in Rosny-sous-Bois, einem Vorort 20 Minuten vor Paris und mein Leben hier kann ich grob in zwei Teile gliedern. Zum einen ist es meine Arbeit in einem Jugendzentrum, welche mich so gut wie  jeden Tag begleitet und mich so in einer neuen Kultur leben lässt. Auch die Freizeit gehört zu diesem Teil dazu, wenn ich am Wochenende Paris mit all seinem Flair erkunde.

Der andere Teil ist der internationale Teil eines Freiwilligendienstes. Ich lebe in einem Haus mit 4 anderen Freiwilligen aus Spanien und Polen, wodurch man jeden Tag Gemeinsamkeiten und Unterschiede entdeckt. Auch ein Teil meiner Arbeit beschäftigt sich mit der europäischen Mobilität und dem Austausch mit anderen Freiwilligen, da meine Organisation koordinierende  Organisation im EFD ist und andere Jugendliche zu diesem Thema beratet. Desweiteren treffe ich mich regelmäßig mit den europäischen Freiwilligen, die hier in der Region ihren Dienst leisten,  wir tauschen uns aus oder unternehmen etwas zusammen. Gemeinsam sind wir dafür verantwortlich, den europäischen Gedanken als auch Informationen über die Möglichkeiten eines Freiwilligendienstes in Europa zu fördern und an die Bevölkerung zu bringen. Dafür haben wir zum Beispiel die Möglichkeit, 1-2 Wochen durch Frankreich zu reisen und verschiedene Events zu diesen Themen zu veranstalten. Durch Seminare oder andere Freiwillige baut man somit ein Netzwerk aus Freiwilligen auf, die zurzeit in Frankreich sind. Man besucht sich gegenseitig in anderen Städten und hat damit einen großen Vorteil.

Ich lerne so viel neues dazu und reife enorm durch die vielen Erfahrungen, womit man vorher kaum rechnen kann. Es ist schwierig, Außenstehenden zu erklären, was ein internationaler Freiwilligendienst bedeutet und was er alles mit sich bringt, denn man muss es einfach selber erleben. Intensiver Kulturaustausch, Sprachenvielfalt, Einblick in ein neues Land und in ein neues Arbeitsfeld erweitern den Horizont und ich bin sehr dankbar, dass ich diese Möglichkeit habe. Ich merke zudem, dass es eher die Gemeinsamkeiten sind, die überwiegen, wenn man lokale Pariser trifft oder sich mit den Freiwilligen aus Griechenland, Spanien, Portugal usw. austauscht. Trotzdessen sind es auch die vielen kleinen Unterschiede, die solch einen Austausch so interessant und spannend machen.

Ich möchte jedoch auch anfügen, dass es nicht immer leicht ist und ich auch mit einigen Problemen konfrontiert werde. Die sehr hohe Kriminalität hier im Banlieue von Paris bekam auch ich zu spüren, nachdem mir im November mein Portemonnaie geklaut wurde und ich diesen Monat am Bahnhof von drei Männern eher unfreundlich empfangen wurde, die mir mein Handy entnahmen. Ganz zu schweigen von den bürokratischen Pflichten, die ich bis jetzt schon durchleben musste, und mich teilweise sehr wütend machten. Desweiteren ist auch das Leben in einer Wohngemeinschaft nicht immer harmonisch, da jeder unter uns manchmal andere Vorstellungen und Angewohnheiten hat. Auch auf Arbeit läuft nicht immer alles rund, und mich stören gewisse Dinge, die ich gerne ändern würde. Jedoch ergänzt sich größtenteils der deutsche und französische Arbeitstil und es ist gut, ein bisschen was von beidem zu haben.


Letztendlich denke ich, dass ich durch die Probleme oder Fehler viel lerne und das es auch alles neue Erfahrungen sind, durch die ich reifen kann. Es ist bei mir auf jedenfall nicht langweilig und ich führe alles andere als ein eintöniges Leben und das war genau das, was ich wollte. Ich empfehle jedem jungen Menschen eine solche Chance zu nutzen, sei es ein europäischer Freiwilligendienst oder etwas ähnliches. Lasst euch lieber ein bisschen mehr Zeit mit eurer Berufs- oder Studienwahl und geht auf Erkundungstour. Ihr werdet euch besser kennenlernen und findet heraus, was für euch wirklich wichtig ist. Der Weg ist das Ziel, traut euch, seid mobil! Macht das, was ihr wollt und ihr werdet es nicht bereuen. Ich freue mich auf meine weitere Zeit hier und ich hoffe, dass meine Erkundungstour genau so aufregend weitergeht. Au revoir et à bientôt!