Die Angst vor den Fremden…

Adventszeit in der
kleinen, von ca. 5000 Einwohnern bevölkerten Oberlandgemeinde Neukirch
(Lausitz). Üblicherweise kehrt hier wie im restlichen Land zu dieser Zeit
langsam die besinnliche Stimmung vor dem Weihnachtsfest ein.
Ortschild von Neukirch in der Lausitz
(Quelle: https://www.firmendb.de)
Nur nicht dieses Mal. Am 02.12.13
verbreitete sich eine Nachricht in Windeseile durch den Ort. Aber was ist
geschehen? Der Kreistag des Landkreises Bautzen wurde im Rahmen seiner Suche
nach neuen Unterkünften für die steigende Anzahl der Asylbewerber_Innen darüber
informiert, dass ein Gebäude (das „Hofgericht“) in Neukirch, welches in den
90er Jahren als Hotel betrieben wurde, Mitte Januar versteigert werden sollte.
Aufgrund des knappen zeitlichen Rahmens beschloss der Kreistag ohne mediale
Vorankündigung, sich an der Versteigerung zu beteiligen und bis dahin weitere
Möglichkeiten für eine Unterbringung von 80-120 Asylbewerbenden zu suchen.
Über die sozialen Medien
und auf der Straße brach sofort eine Welle der Entrüstung los. Die Emotionen
schwankten von Verwunderung über Unverständnis bis hin zur Wut. Erste Stimmen
wurden laut, die verkündeten, man wolle keine Fremden aus anderen Ländern hier
in dieser beschaulichen Gegend haben. Die kritischen Stimmen wurden lauter und
bündelten sich in mittlerweile eingerichteten Facebook-Gruppen.
Auf der Straße wurde
diskutiert, „ob man mit diesen Asylbewerbern hier überhaupt noch sicher leben
könne“ und sich darüber echauffiert, dass „ wieder einmal Entscheidungen vorbei
an den Bürgern getroffen wurden“. Am 11.12.13 wurde die Gemeinderatssitzung des
Ortes förmlich überrannt. In dem kleinen Ratssaal reihten sich über hundert
Anwohner_Immem wie die bekannten Heringe in der Dose. Die Enge war nicht das
Einzige, was an diesem Mittwoch-Abend für ein unangenehmes Gefühl sorgte,
sondern auch eine von Wut aufgeheizte Stimmung in den Reihen des Publikums. Vom
Landratsamt wurden zwei Mitarbeiter beordert, die in der Gemeinderatssitzung
den aktuellen Stand der Dinge aufklären sollten. Die beiden Herren wurden an
diesem Abend zum Ziel der Unmütsäußerungen. Ihre Ausführungen wurden wiederholt
durch Zwischenrufe aus dem Publikum unterbrochen. Einige Einwände zeugten von verständlichen
Bedenken der Anwohnenden. Jedoch die Mehrzahl der Einwände schmückte ein
fremdenfeindlicher Unterton. „Man wolle solche Menschen nicht hier, erst recht
nicht in Mitten des Ortes“ – diese Aussage hörte man an diesem Abend noch sehr
oft. Nach Wortmeldungen, weiteren Zwischenrufen und Statements einiger
Gemeinderäte, wurde das Thema in der Sitzung vom Bürgermeister (Krause /CDU)
beendet und das Publikum damit vertröstet, dass in der darauffolgenden Woche
eine Diskussionsveranstaltung im größeren Rahmen stattfinden soll, wo auch der
Landrat des Landkreises Bautzen, Michael Harig (CDU), Rede und Antwort steht.
Der Ton verschärfte sich
Zusehens bei Diskussionen über Thema. Die Dynamiken des Internets beförderten
populistische Aussagen und sorgten dafür, dass Verteidiger_Innen des
Asyl-Rechtes sich Schmähungen und vereinzelt auch Drohungen aussetzen lassen
durften.
Am Donnerstag den
19.12.13 kam es dann zum bisherigen Höhepunkt. Die einberufene
Bürgerversammlung wurde ein weiteres Mal von über 100 Zuhörer_Innen besucht.
Vorab verabredet, traf auch ein Mob an schwarz-gekleideter Personen zu dieser
Veranstaltung ein – die Botschaft sollte klar sein. Am Beginn des
Diskussionsforums stand eine Rede des Landrates, der, bevor er nur ein Wort
reden konnte, ausgebuht wurde. Er appellierte an die Sachlichkeit und
Menschlichkeit der Anwohner_Innen, jedoch gelang es ihm nicht im Geringsten
einen Draht zu den Asyl-Kritikern vor Ort aufzubauen. Im Gegenteil, mit einer
unbedachten Aussage über Dynamo Dresden Fans, die sich gelegentlich genauso
rüpelhaft verhalten, wie es den Asybewerber_Innen unterstellt wird, brachte er
endgültig die Asylkritiker gegen sich auf.
Als zweites wagte sich
ein Gemeinderat auf den Rednerpult, der versucht hatte beide Seiten des
Publikums anzusprechen. Jedoch wirkten seine Aussagen mitunter für den
aufmerksamen Zuhörer sehr irritierend. Zum Beginn seiner Rede stellte er klar,
dass er die Gemeinde Neukirch nicht in die „rechte Ecke gestellt“ haben möchte.
Ebenso sehr betonte er auch, dass er nichts gegen Ausländer habe und ihm ein
konstruktiver Dialog mit den Verantwortlichen des Landratsamtes wichtig sei. In
späteren Passagen seiner Rede ließ sich jedoch gut erkennen, wo ein evidentes
Problem in der Denkweise weiter Teile der ostdeutschen und besonders ländlich
geprägten Regionen vorherrscht. Selbst in der Mitte der Bevölkerung, die sich
gegen rechtes Gedankengut ausspricht, hängen noch alte Stereotype und
Ressentiments gegenüber Ausländern fest.
Die Veranstaltung ging
weiter. Zum Leiden der konstruktiven Diskussion blieben wichtige Fragen an die
Verantwortlichen des Landratsamtes unbeantwortet, da mehr und mehr unsachliche
Aussagen aufkamen. So erfragte eine erzürnte Zuhörerin, wieso den Asylbewerbern
geholfen wird, ihr jedoch, als Opfer des Hochwassers nicht. Hört-Hört-Rufe
erschallten aus dem hinteren Bereich des Gesprächssaales, wo schwarz Gekleidete
in der Überzahl waren. Die Stimmung wurde immer erhitzter, sodass der
Bürgermeister ein weiteres Mal sich genötigt fühlte die Veranstaltung an dem
Punkt abzubrechen. Ein Redebeitrag erfolgte jedoch noch nach der
Verabschiedung. Die zuvor erwähnte Frau drängte noch einmal zum Mikrophon, um
ihren angestauten Unmut Ausdruck zu verleihen. Ihre Tirade endete
mit den Worten „Ausländer raus! Pfui! Pfui! Pfui!“. Nicht nur diese Aussage
ließ einen erschrecken, sondern auch der beißende Applaus aus dem hinteren Teil
des Saales.
Was von diesem Abend
bleibt, ist ein sehr fader Beigeschmack. Wer die Hoffnung hatte, dass weite
Teile der Bevölkerung hier im ost-sächsischen Raum sich klar gegen Rassismus
und rechtem Gedanken-Gut stellen, der wurde eines besseren belehrt. Alltagsrassismus
und Chauvinismus sind immer noch präsent. Dieses dunkle Urteil, ist aber auch
nur ein Teil der Realität. Es muss auch erwähnt werden, dass eine nicht
vernachlässigbare Zahl an Menschen die Notwendigkeit des Asylrechtes erkennen
und vereinzelt auch geschlossen in Initiativen sich aktiv dafür einsetzen, so dass
buntes, multikulturelles Gedankengut im ländlichen Raum einziehen kann.
(Robin H.)
Nachdem am 14. Januar in der Sächsischen Zeitung ein Artikel zum Thema unter dem Titel „Es kocht in Neukirch“ erschienen ist (hier zu finden: https://www.sz-online.de/nachrichten/es-kocht-in-neukirch-2750902.html), baten wir unseren ehemaligen FSJ-Pler Robin, der aus Neukirch kommt, seine Gedanken dazu zu verfassen.