Karline macht mit dem europäischen Solidaritätskorps einen einjährigen Freiwilligendienst im Foyer de l’enfance in Strassburg in Frankreich. Hier erzählt sie von ihren Erfahrungen.
Vor sechs Monaten bin ich in Dresden in den Zug gestiegen, um ins Elsass zu fahren, wo mit einem zweiwöchigen Seminar mein ESK beginnen sollte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, wo oder wie ich für das nächste Jahr wohnen werde, wie meine Arbeit aussieht oder wie ich verpflegt werde. Es war ein bisschen beunruhigend, so ins Ungewisse zu fahren, doch zu meinem Glück hat sich alles schlussendlich als sehr schön herausgestellt.
Mittlerweile ist die Wohnung im Zentrum Straßburgs, die ich mir mit meiner Mitfreiwilligen teile, heimisch geworden, bei der Arbeit habe ich meine Routinen entwickelt und unser Kassierer des Vertrauens kennt die Nummer unserer Supermarkt-Gutscheine schon fast auswendig. Fünf Tage in der Woche fahre ich eine halbe Stunde mit dem Bus zum „Foyer de l’Enfance“,manchmal ist das 6 Uhr morgens, manchmal auch erst mittags, meine 35h Arbeitsstunden pro Woche sind sehr flexibel. Das Foyer ist ein Kinderheim, welches eine Erstanlaufstelle für Notfälle bietet, die oft mit Vernachlässigung oder häuslicher Gewalt zu tun haben. Die Kinder zwischen 0 bis 18 wohnen für im Schnitt sechs Monate dort, bis ein dauerhaftes Zuhause für sie gefunden wird. Ich bin inzwischen fester Bestandteil des Teams der „Explorateurs“ (Entdecker) geworden, einer Gruppe mit maximal 10 Kindern zwischen 3 und 6 Jahren. Mein Arbeitsalltag besteht daraus ihnen beim fertig machen zu helfen, sie beim Essen zu begleiten, sie zur Schule und zu Terminen zu bringen und abzuholen, ganz viel mit ihnen zu spielen und sie abends ins B
ett zu bringen. Zwischendurch muss auch immer mal Haushalt gemacht werden, aber es bleibt auch Zeit, um sich für Bastel- oder Backprojekte oder kleine Ausflüge zu engagieren. Dadurch, was die Kleinen in ihrem Leben schon durchstehen mussten, ist ihr Verhalten nicht immer einfach, und es war und ist für mich manchmal eine ganz schöne Challenge, mich durchzusetzen. Diese soziale Arbeit ist dafür eine besonders Dankbare, denn die Kinder zeigen mir oft überschwänglich, wie sehr es sie freut, dass ich da bin und sie sind mir mit der Zeit genauso sehr ans Herz gewachsen.
Das Freiwilligennetzwerk hat mir glücklicherweise schnell Freund*innen beschert, mit denen ich unter anderem in einem Kirchenchor singe, wo wir durch viele freundliche Omas und Opas regelmäßig die elsässischen Bräuche und Eigenheiten vermittelt bekommen. Dabei fühlt sich die Kultur sehr bekannt an, angefangen bei den Namen der Menschen, über die Architektur, bis zu den kulinarischen Spezialitäten finden sich Gemeinsamkeiten zwischen beiden Seiten der Grenze. Dadurch hatte ich auch keine Probleme mit dem Kulturschock, in dem Sinne, dass ich mich fremd in dem Land oder zwischen den Menschen gefühlt hätte. Manchmal wünschte ich mir aber doch ein bisschen neuere Eindrücke. Zum Glück konnte ich, dank mehrerer Seminare und den Menschen, die ich dort kennenlernen durfte, schon nach Paris und Troyes reisen, bald geht es in die Bretagne und Urlaub im Süden Frankreichs ist auch schon geplant.
Ich habe das Gefühl, im letzten halben Jahr schon gelernt zu haben, um Einiges erwachsener und bewusster zu leben
. Allein die Herausforderung, sich im Ausland mit Hausverwaltung, Bank und Fahrschule auseinander zu setzten, lässt einen wachsen. Dazu war die Kommunikation mit unserer Koordinierungsorganisation in Frankreich (l‘Initiative Chrétienne d‘Europe) leider nicht immer einfach und hat uns schon so manchen Nerv gekostet. Dann ist auch das Arbeiten in Vollzeit und mit Kleinkindern, von denen manche auch eine geistige Behinderung besitzen, etwas komplett Neues für mich. Außerdem sehe ich im Foyer das Scheitern von Familien, die Auswirkungen von Gewalt und wie Gesetze dann greifen, was schrecklich ist und mir gleichzeitig ein Bewusstsein für solche Situationen schafft. Und ja, auch für „Selbstfindung“ bringt das Auslandsjahr etwas:)
Wenn ich in einem halben Jahr nach Deutschland zurückziehe, wird es bestimmt nicht einfach, sich von Straßburg zu trennen, aber der Vorteil von einem Auslandsjahr im Nachbarland ist, dass ich immer wieder zu meinem zeitweiligen Zuhause zurückkehren kann.
