Europäischer Freiwilligendienst in England

Stefan ist seit Anfang September Freiwilliger des EFD (Europäischer Freiwilligendienst) im Orpheus Centre, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung in Godstone / England. Hier erzählt er von seinen ersten Eindrücken. 

Mein EFD in England

Ich wohne und arbeite im Süden Londons in der kleinen Stadt Godstone, im Landkreis Surrey. Meine Arbeitsstelle ist das Orpheus Centre, eine Bildungseinrichtung für körperlich- und geistig behinderte junge Erwachsene, zwischen 18 und 25 Jahren. Das Orpheus Centre nutzt auf die Adressaten bezogene Bildungsprogramme, die hauptsächlich auf dem künstlerischen Bereich basierend, sie in ihrer Unabhängigkeit unterstützen sollen. Dafür wohnen etwa 20 Schüler dauerhaft in „Residential Homes“, in welchen sie lernen, auch für ihren eigenen Haushalt zu sorgen. Nebenbei besuchen täglich auch etwa 20 weitere Studenten das Orpheus Centre.

Der Bildungsschwerpunkt liegt in der täglichen Arbeit klar im künstlerischen Ausdrucksbereich, wofür alle Schüler insgesamt 4 Bereiche besuchen und sich auf ein Teilgebiet spezialisieren. Zu diesen „Sessions“ zählen: Art & Design, Drama, Music und Dance. Ich persönlich bin für Drama, also das Schauspiel zuständig. Dafür ist das Orpheus Centre bestens ausgestattet. Neben den eigentlichen Unterrichtsräumen gibt es ein Musikraum, ein Tonstudio und das Barn-Theatre (Scheunentheater), in dem ich jeden Donnerstag mehrere Stunden mit den Studenten verbringe. Mit 3 weiteren Kollegen proben wir an einem Stück für das Weihnachtsprogramm, basierend auf der Geschichte „In 80 Tagen um die Welt“, von Jules Verne.

Das besondere daran ist, dass alle Gruppen ihren Teilbeitrag für den großen Auftritt leisten. Dazu zählt die Gestaltung von Masken und Kulissen, Musik und Tanz. Ich habe das Gefühl, dass der künstlerische Ausdruck, egal in welcher Form, eine große Bereicherung für die Studenten ist. Für manche ist es ein bestärkender Ersatz sich auszudrücken, was ich besonders bei denen beobachten konnte, die aufgrund einer halbseitigen Lähmung im Rollstuhl sitzen und deren Sprachzentrum beeinträchtigt ist. Es ist dann eine große Freude zu sehen, wie glücklich sie auf Musik reagieren und mit welcher Begeisterung sie sie produzieren.

Auch zwischen den Kollegen besteht ein sehr gutes Verhältnis und ich habe als Freiwilliger keinesfalls das Gefühl, in irgendeiner Form untergestellt zu sein. Ich darf meine Ideen und Gedanken frei in die Arbeit einfließen lassen und befinde mich mit allen Mitarbeitern auf einer Ebene. Ich freue mich auch schon auf kommende Ausflüge. Neben Freizeiteinrichtungen, wie Kinos, Theater oder Ausstellungen, besucht das Orpheus Centre auch Institutionen, in welchen die Studenten ihre Arbeiten präsentieren können.

Hügelig und saftig grün

Obwohl das Orpheus Centre in der Kleinstadt Goldstone liegt, befindet es sich eher außerhalb, an einer Kleinstraße gelegen, die den Hügelkamm hinauf führt. Links und rechts liegen weite Felder wo die Schafe grasen und einen verwirrt anstarren, wenn man über einen der Wanderpfade Richtung Stadt läuft. Die Landschaft im Landkreis Surrey ist hügelig und saftig grün. Sie zählt zu einen der schönsten aber auch teuersten Gegenden Englands. Goldstone ist sehr klein. Besitzt einen winzigen Einkaufsladen, einen Fußballplatz, wo die Mitarbeiter jeden Mittwoch spielen (inklusive mir) und einen Arzt. Wer eher das Stadtleben bevorzugt, fühlt sich hier denke ich vielleicht eher gelangweilt. Allerdings ist London nur 30 km entfernt und mit dem Zug günstig zu erreichen.

Weil ich gerne wandern gehe, genieße ich die Pfade über die Hügel der malerischen Landschaft. In meiner Freizeit unternehme ich auch viel mit meinen beiden Mitbewohnern. Das sind Johanna aus Wien und Hariette aus Brighton. Ich bin froh auch mit einer Engländerin zusammenzuwohnen. Es bringt mich zum einen nochmal kulturell näher an das Land, zum anderen zwingt es mich Englisch zu sprechen. Wir verstehen uns alle drei sehr gut. Wir teilen uns gemeinsam eine Wohnung gegenüber vom Orpheus Centre, wobei mein Zimmer direkt im Orpheus Centre liegt. Die Wohnung haben wir uns schon für die kalte Jahreszeit mit ausreichend Kissen, Decken und Lichterketten gemütlich gemacht. Ab und zu wird eine britische Sendung oder Harry Potter geschaut- worauf die Briten hier sehr stolz sind, hab ich den Eindruck.

Same same – but different?

Große Unterschiede in der Mentalität zwischen Briten und Deutschen konnte ich nicht feststellen. Das Auffälligste ist wohl das obligatorische „How are you?“, dazu die selbstverständliche Antwort: „I am good“ oder „I `m fine“, egal wie es dir auch gehen mag. Bist du an einem Tag mit dem falschen Bein aufgestanden wirst du trotzdem mit:“ I `m good“ antworten. Sonst würdest du wahrscheinlich einen verwirrten Blick ernten. Anfangs hat mich das ständige: „Are you alright?“, etwas verwirrt. Mittlerweile habe ich mich so daran gewöhnt, dass ich auch andere schon mit dieser Frage grüße. Bisher habe ich nur freundliche und hilfsbereite Briten kennengelernt. Aber etwas ist schon dran an der Teekultur. Seid ich in Großbritannien bin, hat sich mein Teekonsum verdreifacht. Allerdings ist die sogenannte „Teatime“ in meinen Augen totaler Blödsinn. Die Briten trinken ihren Tee wann sie wollen, aber doch bitte Schwarzen mit Milch und Zucker. Dazu noch ein Biskuit und die Pause ist perfekt.

Macht ein Brite böse Witze über dich, dann bist du bereits mit ihm auf einer kumpelhaften Ebene. Das sollte man auf keinen Fall persönlich nehmen. Der britische Humor zeichnet sich durch viel Sarkasmus aus. Mein persönlicher Tutor hat schon so manchen „bösen“ Satz über mich gesagt, dass die Arbeit mit mir eine Zumutung wäre. Dann lachen alle laut und man sollte wissen, wie es gemeint ist. Wer dort keinen Spaß versteht, hat ein Problem. Probleme hatte ich bisher keine.

Herausforderungen

Allerdings bietet eine fremde Umgebung und eine neue Arbeitsstelle jede Menge Herausforderungen. Meine waren weniger auf die Arbeit bezogen, sondern vielmehr auf die Orientierung in der neuen Umgebung und die Umgewöhnung auf eine fremde Sprache. Die ersten beiden Wochen war ich dauermüde, vielen neuen Eindrücken und Informationen ausgesetzt. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und bin angekommen. Die Herausforderung in der Arbeit bestand darin, zu erkennen was meine Aufgaben sind. Wie ich es schon in meinem ersten Praktikum im Ausland erlebt habe sollte man nicht erwarten, eine persönliche Anleitung von seinem Tutor zu bekommen, was die Aufgabenbereiche im Arbeitsfeld betrifft. Die Aufgabe besteht vielmehr darin, die Arbeit zu erkennen. Anfangs habe ich deshalb meine Kollegen viel beobachtet, um dann die Studenten adäquat in ihren Sessions unterstützen zu können.

Anfangs wusste ich beispielsweise nicht, wie ich einen jungen Mann in meiner Klasse behandeln sollte, der halbseitig gelähmt im Rollstuhl sitzt. Durch Spasmen ist er motorisch beeinträchtigt. Sein Sprachzentrum ist geschädigt. Meist verständigt er sich durch Laute, die für mich unverständlich waren. Mein Tutor verlangte von mir, dass ich ihn in einer Gruppenaufgabe unterstützen sollte. Immer wenn er etwas sagen wollte, verstand ich nichts und fühlte mich schlecht, weil ich in seinen Augen sehen konnte, wie sehr es ihm daran lag, mir das mitzuteilen. Ich holte mir Unterstützung und kann ihn mittlerweile teilweise sogar schon verstehen. Die Freude die ich hatte, als ich ihm die Rückfrage stellte, was er gesagt haben soll und er mir diese bestätigte, war wunderbar. Die Arbeit mit behinderten Menschen zeigt mir wieder einmal, wie talentiert diese Menschen auch sind und welche Fähigkeiten sie in die Gesellschaft einbringen. Das Problem liegt nicht unbedingt an der Behinderung selbst sondern vielmehr daran, wie schlecht unsere Gesellschaft angepasst ist.

Ich bin sehr gespannt auf noch kommende Erlebnisse.

Der Europäische Freiwilligendienst wird gefördert von ERASMUS+ mit Mitteln der Europäischen Union.